Der Tankrabatt ist volkswirtschaftlich ungerecht
Das spricht dafür
Wohlhabendere Haushalte profitieren tendenziell stärker: Der Rabatt wurde pro Liter Kraftstoff gewährt. Wer also viel tankt, erhält auch eine größere absolute Entlastung. Das ist verteilungspolitisch problematisch, weil Haushalte mit höherem Einkommen im Durchschnitt deutlich mehr für Kraftstoffe ausgeben.
21.09.2026
Quellen
https://www.diw.de/de/diw_01.c.838543.de/publikationen/wochenberichte/2022_14_3/tankrabatt__klientelpolitik_2.0_statt_ordnungspolitischer_kompass__kommentar.htmlMenschen ohne Auto gehen weitgehend leer aus: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung besitzt kein Auto oder nutzt überwiegend öffentliche Verkehrsmittel. Diese Menschen waren zwar ebenfalls von der allgemeinen Energiepreisinflation betroffen, erhielten aber keinen direkten Vorteil aus der Senkung der Kraftstoffsteuer.
21.09.2026
Opportunitätskosten für den Staat: Eine Steuersenkung bedeutet Mindereinnahmen. Das Geld steht damit beispielsweise nicht für andere Entlastungsmaßnahmen oder öffentliche Investitionen zur Verfügung. Das DIW schätzte die Kosten des Tankrabatts auf rund 3,15 Milliarden Euro. Volkswirtschaftlich relevant ist deshalb nicht nur: „Wie viel Geld spart ein Autofahrer?“ sondern auch: „Was hätte der Staat mit den Milliarden alternativ machen können?“
21.09.2026
Problematische ökologische Anreize: Ein niedrigerer Benzin- und Dieselpreis macht Autofahren relativ günstiger. Dadurch wird der Anreiz geschwächt, - weniger zu fahren - Fahrgemeinschaften zu bilden - auf Bus und Bahn umzusteigen - ein sparsameres bzw. elektrisches Fahrzeug zu nutzen Der Tankrabatt steht damit zumindest kurzfristig im Konflikt mit klimapolitischen Zielen.
21.09.2026
Nicht jeder Euro der Steuersenkung kommt bei den Verbrauchern an. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass 97–99 % der Benzin- und 75–86 % der Diesel-Steuersenkung an Verbraucher weitergegeben wurden.
21.09.2026
Quellen
https://www.diw.de/de/diw_01.c.879552.de/publikationen/externe_referierte_aufsaetze/2023_0002/the_impact_of_the_tax_reduction_on_fuel_prices_in_germany__a_synthetic_difference-in-differences_approach.htmlDas spricht degegen
Autofahrer sind unmittelbar von einem außergewöhnlichen Preisschock betroffen -> ein Tankrabatt kann schnell und unkompliziert wirken. Das BMF bezeichnete die Maßnahme ausdrücklich als Teil des Entlastungspakets und kombinierte sie mit weiteren Maßnahmen wie Energiepauschale, Kinderbonus und vergünstigtem ÖPNV-Ticket.
21.09.2026
Quellen
https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/2022/05/Downloads/monatsbericht-2022-05-deutsch.pdf?__blob=publicationFile&v=1Pendler können teilweise kaum auf das Auto verzichten. Das Argument „Wer wenig Geld hat, soll einfach weniger Auto fahren“ funktioniert nicht für alle. Wer beispielsweise auf dem Land wohnt und 30 oder 50 km vom Arbeitsplatz entfernt ist, hat möglicherweise: - keinen ausreichenden ÖPNV, - Schichtarbeit, - Kinderbetreuungspflichten oder - einen Arbeitsplatz, der mit Bus und Bahn nur schwer erreichbar ist. Für solche Personen sind hohe Kraftstoffpreise kurzfristig nur schwer vermeidbar. Der Tankrabatt kann deshalb als Übergangshilfe gegen einen externen Preisschock verstanden werden.
21.09.2026
Auch Unternehmen waren betroffen: Kraftstoff ist nicht nur ein Konsumgut für private Autofahrer. Unternehmen benötigen Diesel und Benzin beispielsweise für: - Transport - Handwerk - Landwirtschaft - Lieferdienste - Außendienst Sehr hohe Kraftstoffpreise können deshalb über höhere Transport- und Produktionskosten zu weiteren Preissteigerungen führen. Eine Senkung der Kraftstoffsteuer kann insofern theoretisch auch helfen, inflationäre Kostensteigerungen abzuschwächen.
21.09.2026
Der Tankrabatt war schnell umsetzbar - Direkte, zielgenaue Transfers benötigen Verwaltungsverfahren und können deshalb langsamer wirken.
21.09.2026
Die empirische Wirkung war größer als teilweise erwartet: Die spätere Studie von Bernhardt et al. kommt zu dem Ergebnis, dass die Steuerreduzierung die Preise tatsächlich deutlich senkte: etwa 33,8–34,4 Cent je Liter Benzin und 12,2–14,6 Cent je Liter Diesel.
21.09.2026
Quellen
https://www.diw.de/de/diw_01.c.879552.de/publikationen/externe_referierte_aufsaetze/2023_0002/the_impact_of_the_tax_reduction_on_fuel_prices_in_germany__a_synthetic_difference-in-differences_approach.htmlFakten
Haushalte mit mehr als 5.000 € monatlichem Nettoeinkommen gaben durchschnittlich etwa neunmal so viel für Kraftstoff aus wie Haushalte mit weniger als 1.300 €.
21.09.2026
Quellen
https://www.diw.de/de/diw_01.c.838543.de/publikationen/wochenberichte/2022_14_3/tankrabatt__klientelpolitik_2.0_statt_ordnungspolitischer_kompass__kommentar.htmlCa. 20 % der Haushalte können kein Auto leisten.
21.09.2026
Quellen
https://www.diw.de/de/diw_01.c.837251.de/%26Das Bundeskartellamt beobachtete 2022 eine ungewöhnlich große Differenz zwischen Rohölpreisen und Preisen auf der Raffinerie- und Tankstellenebene. Es leitete deshalb eine Untersuchung ein. Der Zwischenbericht verwies unter anderem auf Knappheiten, strukturelle Probleme im Raffinerie- und Großhandelsmarkt sowie die starke vertikale Integration von Mineralölunternehmen. Gleichzeitig konnte das Bundeskartellamt nicht einfach feststellen, dass die Mineralölkonzerne den Tankrabatt unrechtmäßig einbehalten hätten. => Eine Steuersenkung garantiert nicht, dass ein Marktpreis genau um den gleichen Betrag sinkt. Wie stark eine Steueränderung weitergegeben wird, hängt unter anderem von Angebot, Nachfrage und Wettbewerbsbedingungen ab.
21.09.2026
Quellen
https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2022/28_11_2022_SU_Raffinerien.html?nn=49836Lösungsvorschläge
Man könnte verschiedene sich ergänzende Ansätze parallel verfolgen: 1. Direkte Transfers an einkommensschwache Haushalte: + sehr zielgenau, - Verwaltungsaufwand 2. Mobilitätsgeld für Pendler mit niedrigem Einkommen: + berücksichtigt besondere Belastung durch Mobilität, - Abgrenzung kann schwierig sein 3. Erhöhung von Sozialleistungen: + erreicht besonders Bedürftige, - nicht speziell auf Mobilitätskosten ausgerichtet 4. Temporäre Pendlerpauschale/Steuergutschrift: + unterstützt Erwerbstätige mit langen Wegen , - Geringverdiener profitieren ggf. weniger 5. ÖPNV-Ausbau und günstige Tickets: + langfristig weniger Abhängigkeit vom Auto, - Wirkung erst mittel- bis langfristig 6. Klimageld/Pro-Kopf-Rückerstattung: + kann sozial ausgleichend wirken, - Ausgestaltung und Finanzierung entscheidend 7. Gezielte Unterstützung für Unternehmen mit hoher Kraftstoffabhängigkeit: + verhindert bestimmte Produktions- und Transportprobleme, - schwierige Abgrenzung Tankrabatt schnell und einfach wenig zielgenau und ökologisch problematisch
21.09.2026
Quellen
https://www.diw.de/de/diw_01.c.842368.de/tankrabatt__lieber_durch_transfers_die_haushalte_entlasten_als_die_preise_kuenstlich_druecken.htmlMeinungen
Es handelt sich nur um eine Art Darlehen der jetzigen Generation, das wiederum von späteren Generationen zurückgezahlt werden muss. Die meisten Bürger hätten sich den erhöhten Kraftstoffverbrauch leisten können, wären vielleicht sogar aufs Rad oder ÖPNV umgestiegen, haben nun eine Unterstützung erhalten, die aber in Form von Steuereinnahmen wieder hereingeholt werden muss - irgendwann, wenn wieder eine Schuldenbremse angesetzt wird und erst dann, wenn sie auch über lange Jahre durchgezogen wird. Das kann bis in die nächsten Generationen dauern.
21.09.2026